So

18

Apr

2010

Warum stellen wir uns eigentlich (so) an?

Klar ist das ein Wortspiel. Es geht um Menschen, die sich anstellen (lassen). Also um Angestellte. Von denen haben laut der aktuellen Gallup-Studie über 80% gar keine Lust auf ihren Job oder gar innerlich gekündigt. Und es geht um Menschen, die sich nicht anstellen (lassen). Also um Selbständige und Unternehmer. Letztere stellen oft Leute an. Erstere stellen sich selbst an, wen sie nicht mehr angestellt sind. Bei der Arbeitsagentur. Weil sie sich wieder anstellen (lassen) wollen. Komisch das alles, oder? Nein, nicht witzig. Einfach komisch.

Nun, wir Menschen haben es ja schon immer ganz gut verstanden, die Gesetze der Natur und der mit ihr einhergehenden Evolution zu ignorieren. Wir weigern uns einfach zu sehen, dass es immer rauf und runter geht. Dass weder unser Leben noch die Wirtschaft linear verlaufen und sich alles ständig verändert. Ja, das ist ein bisschen so, wie wenn Kinder sich die Augen zuhalten und ernsthaft glauben, dann nicht gesehen zu werden. Das ist weder witzig noch irgendwie hilfreich. Denn Veränderungen sind nun mal die Regel und nicht die Ausnahme.

 

Unser Arbeitsmarkt beispielsweise hat sich allein in den letzten gut 100 Jahren immer wieder radikal verändert. Waren im 19. Jahrhundert in vielen Regionen noch Handwerk, Landwirtschaft und Viehzucht die Hauptbeschäftigung, so entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts die meisten Jobs in großen Fabriken oder Bergwerken. Es war sowohl die Zeit epochaler Erfindungen wie des Automobils als auch die Zeit der Arbeitsteilung. Ein Arbeitsplatz bedeutete damals nicht selten einer an sich sinnlosen und oft Menschen verachtenden Tätigkeit nachzugehen. Nach dem Krieg wiederum sorgte in Deutschland der notwendige Wiederaufbau für Beschäftigung. Ja sogar, wenn auch nur für kurze Zeit, für Vollbeschäftigung.

 

Jetzt könnte man meinen, dass wir als gebildete Mitteleuropäer diese Entwicklung damals genau so verstanden hätten um uns dann umgehend Gedanken zu machen, wie es danach weiter gehen kann. Weit gefehlt. Wir nahmen diese künstliche und zynischerweise auch noch auf Millionen von Toten basierende Situation als den Normalzustand an, den (zumindest) die Politik seither immer wieder lautstark fordert, anstrebt und verspricht. Auch komisch, oder? Nein, nicht witzig. Komisch.

 

Wir schreiben das Jahr 2010. Versuchen wir doch einmal kurz die kindliche Hand von den Augen zu nehmen. Was sehen wir? Die meisten Jobs in der Produktion, Montage wie auch im Berg- Hoch- oder Tiefbau, die noch vor 30 Jahren viele Menschen ernährt haben, werden heute von Maschinen und Computern gemacht. Und das ist eigentlich auch gut so. Denn es verschafft uns die Möglichkeit, endlich die wirklich wichtigen Aufgaben unserer Zeit angehen zu können.

 

Denn die Arbeit an sich geht uns ja nicht aus. Ganz im Gegenteil.

 

Ein paar Beispiele für Dinge, die dringend gemacht werden müssen:

 

* Die Entwicklung sowie der Auf- und Ausbau erneuerbarer Energien, weil wir wissen, dass uns die alten Rohstoffe ausgehen

 

* Die Umstellung auf ökologische und biologische Landwirtschaft, weil wir wissen, das Massentierhaltung, künstlicher Dünger und Genmanipulation nicht nur die Natur krank machen.

 

* Neue Formen des Zusammenlebens von Generationen, weil wir wissen, dass wir immer älter werden und gleichzeitig der Nachwuchs fehlt, der uns pflegen kann.

 

* Der dringend notwendige Umbau unseres Sozialstaates, weil wir wissen, dass immer neue Schulden, Reformen

und Umverteilungen schon lange keine Lösung mehr sind.

 

* Jede Menge Ideen für nachhaltiges Wirtschaften in allen Bereichen. Nein, ich meine nicht noch ein paar Bioprodukte oder die Reduktion des CO2-Ausstoßes. Ich meine wirklich nachhaltig. Sozial, ökologisch und ökonomisch.

 

* Ein neues Wissens- und Informations-Management, weil wir in einer Welt leben, in der es Wissen und Informationen ohne Ende gibt. Für jeden kostenlos verfügbar. Aber es ist zu viel. Kaum jemand findet sich mehr zurecht. Und Google kann doch nicht das Ende der Suche sein.

 

* Konzepte, dem Hunger in der Welt mit unternehmerischen Mitteln zu begegnen, anstatt uns jedes Jahr an Weihnachten mit ein paar Almosen ein reines Gewissen zu erkaufen. Das Stichwort heisst Social Business.

 

Nein, die Arbeit geht uns ganz sicher nicht aus. Aber wir müssen uns heute nicht mehr anstellen (lassen), um sie zu erledigen. Wir brauchen auch immer seltener komplexe Organisationen oder gar Vorgesetzte, die uns erklären, was wir wie zu tun haben. Wir können das ganz gut alleine.

 

Laut dem "Global Entrepreneurship Monitor für Deutschland 2008 (GEM)" erachten mehr als die Hälfte aller Befragten in Deutschland die Gründung eines eigenen Unternehmens als gute berufliche Perspektive. Knapp 40% trauen sich eine solche Gründung sogar zu, haben allerdings in den meisten Fällen keine Idee womit. Und wenn doch, dann haben sie schlicht Angst zu Scheitern (laut GEM sind das über die Hälfte derjenigen, die eine Gründung in Betracht ziehen). Das bedeutet doch, hier schlummert ein riesiges Potenzial, dessen Entfaltung scheinbar "nur" aus den gerade benannten zwei Gründen verhindert wird. Fehlende Ideen und die Angst zu Scheitern.

 

Auf der anderen Seite gibt es in Deutschland heute bereits über 10% Selbständige und Unternehmer. Von denen wissen die meisten, dass Scheitern und wieder Aufstehen dazu gehört. Sie nennen es liebevoll das "Panik-Euphorie-Kontinuum". Darüber hinaus plagt diese über drei Millionen Menschen nicht selten ein ganz anderes Problem. Sie haben zu viele Ideen, aber keine Zeit sie umzusetzen. Welch ein (im positivsten Sinne) explosives Gemisch könnte entstehen, wenn man diese beiden Gruppen regelmäßig zusammen bringt?

 

Genau das war die Motivation zum Start der Initiative 20prozent.org im Jahre 2007. Denn Gründungen funktionieren immer dann besonders gut, wenn die Gründer dabei von Selbständigen und Unternehmern begleitet werden. Warum? Na, die kennen Tricks und Fallstricke, Risiken und Chancen aus erster Hand. Also aus eigener Erfahrung und nicht aus Büchern. Ergo haben wir Unternehmer und Selbständigen ab sofort eine neue Aufgabe. Eine gesellschaftlich relevante und vergleichsweise recht einfache Aufgabe. Wir helfen einem Menschen aus unserem Umfeld, sich erfolgreich selbständig zu machen. Nicht mehr. Aber eben auch nicht weniger. Wenn das alle tun, haben wir "morgen" doppelt so viele Selbständige und Unternehmer. Theoretisch. Also rein rechnerisch.

 

Was es dann noch braucht, vermutlich aber genau dadurch entstehen wird, ist ein grundlegender Paradigmenwechsel in unserer Gesellschaft. Eine friedliche (R)evolution. Drei Dinge sind dabei von entscheidender Bedeutung.

 

1. Ein neues Bildungssystem. Nein, keine Reform. Ein neues System. Basierend auf dem, was wir heute über effektives

Lernen wissen. Weg von der stupiden Frontbetankung der letzten Jahrhunderte. Hin zu Selbständigkeit und Eigenverantwortung. Anstatt unsere Kinder mit einem Standardlehrplan in eine gleichförmige Masse zu verhandeln, müssen wir es schaffen, ihre Leidenschaften und Talente aus-zu-bilden.

2. Ein bedingungsloses Grundeinkommen. Weil es sinnvoller ist, Menschen die Freiheit zu geben, etwas sinnvolles zu tun als sie mit großem bürokratischem Aufwand aus ihren Wohnungen zu vertreiben, nur weil sie keine Anstellung finden. Laut vieler unabhängiger Befragungen würden über 90% aller Menschen mit einem Grundeinkommen weiter arbeiten. Aber eben dort, wo es aus ihrer Sicht Sinn macht. Und das sind witzigerweise genau die Bereiche, die ich oben erwähnt habe.

 

3. Die Erkenntnis, dass eine selbständige oder unternehmerische Tätigkeit, gerade in der heutigen Zeit, mitunter sicherer ist als eine angestellte. Einfach, weil wir flexibler (re)agieren und selbst beeinflussen können, was passiert.

 

Das glauben Sie nicht? Das mit der Sicherheit? Dann fragen wir doch mal die Mitarbeiter von Märklin, Nokia, Quelle, Karstadt oder auch Opel. Gestern noch galt ihr Job, in den Augen der meisten, als absolut sicher. Sich selbständig zu machen hingegen eher als unsicher.

 

Doch wie sicher ist ein Job, bei dem andere entscheiden, was mit uns passiert?

 

Wie schnell alles vorbei sein kann, haben wir gerade erlebt. Da brennt ein paar Bankern die (Gier-)Sicherung durch, selbstverliebte Manager spielen mit dem Geld anderer Leute Monopoly und gestern noch boomende Branchen wie IT, Mobilfunk oder Automobile nähern sich dem Ende ihres Lebenszyklus. Und schon sind tausende von Menschen ihren "sicheren" Job los.

 

Selbständigen und Unternehmern, die übrigens allzu oft (und völlig zu Unrecht) verwechselt werden mit den gerade erwähnten angestellten Manager, kann das nicht so leicht passieren. Wenn etwas nicht mehr funktioniert, machen sie etwas anderes. Sie handeln. Eigenverantwortlich. Und sie handeln verantwortlich für die Menschen, die bei ihnen arbeiten. Entlassungen sind im Inhaber geführten Mittelstand die allerletzte und nicht die erstbeste Lösung. Und nicht zuletzt handeln sie verantwortlich für ihr gesellschaftliches Umfeld. Das, was Konzerne heute neudeutsch und nicht selten aus Gründen des Marketings Corporate Social Responsibility (CSR) nennen, ist für echte Unternehmer schon immer eine Selbstverständlichkeit.

 

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Rahmenbedingungen unserer Wirtschaft haben sich in den letzten 20 Jahren (wieder einmal) radikal verändert. Wir haben offene Grenzen, immer bessere Computer sowie ein weltweit transparentes Informations- und Kommunikationsnetzwerk, das Internet. All das bedeutet, dass Produkt- und Innovationszyklen immer kürzer werden. Sicherheit bedeutet heute Flexibilität und zwar in jeder Hinsicht und für jeden.

 

Wenn wir eine Glaskugel hätten, würde sie uns wohl zeigen, dass es genau aus diesem Grund in Zukunft ganz automatisch mehr Selbständige und Unternehmer geben wird. Die Frage ist nur, ob wir die Entwicklung dahin schmerzvoll erleiden oder (selbständig) kreativ gestalten. Es ist unsere Entscheidung.

 

Stellen wir uns doch einfach nicht mehr (so) an...

 

 

Anmerkung: Wenn ich im Text besipielsweise von Unternehmern, Gründern oder Managern schreibe, so meine ich damit gleichermaßen Damen und Herren. Ich habe mich im Sinne einer leichteren Lesbarkeit für die männliche Schreibweise entschieden.

 

Rechtlicher Hinweis: Dieser Artikel wurde von mir als Gastbeitrag für den aktuellen und gedruckten Newsletter der Agentur bz konzept geschrieben. Mit Zustimmung der Inhaberin, Barabra Ziegle, veröffentliche ich ihn nun auch hier in meinem Blog.

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